Zwischen Absätzen und Atem

Der Newsroom roch nachts nach kaltem Kaffee und müder Elektronik. Bildschirme warfen blaues Licht auf Papier und Gesichter. Elisa saß seit Stunden am selben Satz, löschte, schrieb neu. Als Jonas neben ihr stehen blieb, spürte sie seinen Blick wie eine leise Frage im Raum.

Zwischen Absätzen und Atem
Photo by Declan Sun / Unsplash

Der Newsroom roch nachts anders.
Nach kaltem Kaffee, Staub von Papier, einer Elektronik, die nie ganz schlief. Bildschirme warfen blaue Inseln in den Raum, als hätte jemand das Meer auf Arbeitsplätze verteilt. Draußen schob sich die Stadt über die Scheiben, leise, geduldig.
Elisa saß seit sechs Stunden an derselben Stelle.
Nicht aus Sturheit.
Aus Präzision.
Der Satz wollte nicht.
Er wollte stimmen, aber nicht leben.
Sie löschte ihn.
Schrieb ihn neu.
Löschte wieder.
„Du hast ihn zu vorsichtig.“
Jonas’ Stimme kam von links. Nicht laut. Nicht überraschend. Er hatte die Eigenschaft, immer dann da zu sein, wenn man ihn brauchte.
„Ich habe ihn überprüfbar gemacht“, sagte sie.
„Das ist nicht dasselbe.“
Er stellte seine Tasse neben ihren Laptop. Leer. Wie immer.
Sie sah hoch.
Er lehnte am Tisch, ein Bein locker angewinkelt, Hemd offen am Kragen. Müdigkeit stand ihm besser als Ehrgeiz. Sie machte ihn ruhiger. Wahrnehmbarer.
„Wo?“, fragte sie.
Er beugte sich vor.
Zeigte auf den Absatz.
Sein Arm streifte ihren.
Nicht dramatisch.
Aber deutlich.
„Hier“, sagte er. „Du weißt mehr. Du schreibst weniger.“
Sie sah auf den Text.
Er hatte recht.
Natürlich.
„Verdammt“, murmelte sie.
„Sagst du selten.“
„Ich denke es oft.“
Er lächelte nicht. Er registrierte.
Das mochte sie.
Gegen Mitternacht war der Raum leer.
Nur sie.
Und er.
Und die Recherche, die sich wie ein dritter Körper zwischen ihnen bewegte.
„Pause?“, fragte er.
„Noch zehn Minuten.“
„Du hast das vor vierzig Minuten gesagt.“
„Ich arbeite mit Zeitverschiebung.“
Er setzte sich ihr gegenüber.
Nicht aufdringlich.
Präsent.
Sie schrieb weiter.
Spürte seinen Blick.
Nicht starrend.
Aufmerksam.
„Warum schaust du so?“, fragte sie, ohne aufzusehen.
„Wie?“
„Als würdest du einen Text lesen, der nicht auf dem Bildschirm steht.“
Ein Moment.
„Weil ich es tue.“
Sie hob den Kopf.
Ihre Blicke trafen sich.
Still.
Unkommentiert.
„Das ist unklug“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Wir arbeiten zusammen.“
„Ja.“
„Sehr eng.“
„Auch das.“
Sie schloss den Laptop.
Langsam.
Wie ein Punkt.
„Und trotzdem?“
Er schwieg.
Stand auf.
Kam einen Schritt näher.
„Und trotzdem.“
Seine Finger fanden zuerst ihre Schläfe, dann die feine Linie ihres Wangenknochens. Eine Berührung, die nicht forderte, sondern abtastete, als wollte er die Kontur ihrer Erschöpfung nachzeichnen. Elisa spürte die Wärme seiner Handfläche lange, bevor sie die Haut wirklich erreichte – wie ein Nachhall von Licht auf Papier. Sie schloss die Augen, nur für einen Atemzug.
Dann beugte er sich vor, langsam genug, dass sie die Bewegung in jedem Wirbel spüren konnte. Sein Atem streifte ihre Unterlippe, bevor seine Lippen es taten. Der Kuss begann fast schwerelos, nur eine Andeutung von Druck, eine Frage in der Berührung. Sie antwortete nicht mit Worten, sondern indem sie den Kopf ein winziges Stück neigte, ihm entgegen. Seine Zunge berührte ihre nur flüchtig, wie jemand, der eine fremde Sprache zum ersten Mal probiert. Süß und salzig zugleich, nach Kaffee und der langen Nacht.
Ihre Hände lagen noch auf dem geschlossenen Laptop, kalt vom Metall. Erst jetzt löste sich die rechte und wanderte zu seinem Nacken, hielt ihn nicht fest, sondern ließ ihn wissen, dass sie blieb.
Der Konferenzraum nebenan war dunkel.
Nur die Stadt spiegelte sich in der Glaswand.
Sie standen darin wie Figuren in einem Film, der keine Musik brauchte.
Seine Hand an ihrem Handgelenk.
Nicht ziehend.
Fragend.
„Sag Stopp“, sagte er.
„Sag du es“, antwortete sie.
Er ließ ihre Hand los, nur um beide Hände an den Saum ihres Pullovers zu legen. Er wartete. Sie nickte, kaum sichtbar. Der Stoff glitt nach oben, kühlte ihre Haut an den Stellen, die eben noch von ihm bedeckt gewesen waren. Sie hob die Arme, und er zog ihn über ihren Kopf, langsam, als würde er ein Blatt aus einem Buch lösen.
Ihr BH war schlicht, schwarz, fast unsichtbar in dem blauen Streulicht. Er sah sie an – nicht begierig, sondern mit einer Stille, die sie mehr bloßstellte als jede Hast. Ihre Finger zitterten leicht, als sie selbst den Verschluss öffnete. Die Träger rutschten von selbst über ihre Schultern. Sie spürte die Luft an ihren Brüsten wie eine zweite, kältere Haut.
Jonas trat einen halben Schritt zurück, nicht aus Zurückhaltung, sondern um sie wirklich zu sehen. Sein Blick wanderte nicht hastig. Er verweilte. An der Mulde über ihrem Schlüsselbein, an der sanften Wölbung ihrer Rippen, an der Art, wie sich ihre Brustwarzen in der Kühle des Raums aufrichteten.
Sie fühlte sich nicht entblößt.
Sie fühlte sich erkannt.
Sie saß später auf dem Tisch.
Akten neben sich.
Notizen unter sich.
Und er zwischen ihren Knien.
Die Recherche vergessen.
Nicht verloren.
Aufgehoben.
Seine Hände lagen an ihren Hüften, Daumen in den Mulden oberhalb der Beckenknochen, als wollte er ihren Körper neu vermessen. Er küsste sie erneut, diesmal tiefer, mit einer Langsamkeit, die fast schmerzhaft war. Ihre Finger gruben sich in sein Haar, nicht fordernd, sondern haltend.
Sein Mund wanderte tiefer. Über ihre Kehle, wo ihr Puls sichtbar schlug. Über das Schlüsselbein, das sich bei jedem Atemzug hob. Dann zu ihrer Brust. Er nahm die Spitze zwischen seine Lippen, nicht saugend, sondern umschließend, warm und feucht. Ein leises, unwillkürliches Geräusch entkam ihr – kein Stöhnen, sondern ein Ausatmen, das sich in der Kehle brach.
Seine Hände glitten unter ihren Rock, schoben ihn langsam höher. Fingerkuppen streiften die Innenseiten ihrer Oberschenkel, zeichneten Linien, die nach oben führten, ohne je ganz anzukommen. Die Spannung wuchs in ihrem Unterleib wie ein leises Summen, das sich mit jedem Zentimeter steigerte.
Als seine Finger schließlich den Stoff ihres Slips berührten, war er bereits feucht. Er drückte nicht. Er strich nur, federleicht, als würde er eine empfindliche Stelle auf einer Landkarte ertasten. Sie öffnete die Beine ein Stück weiter, unwillkürlich. Er folgte der Einladung, schob den Stoff beiseite, fand die feuchte Wärme und blieb dort, kreiste langsam, ohne Druck, nur Präsenz.
Ihr Atem ging flacher.
Sie lehnte sich zurück, stützte sich auf die Hände.
Papier raschelte leise unter ihren Handflächen.
Er kniete sich vor sie, ohne Hast.
Sein Mund folgte seinen Fingern.
Zuerst nur ein Hauch von Atem über ihrer empfindlichsten Stelle.
Dann die Zunge, flach und warm, eine langsame Bewegung von unten nach oben.
Sie schloss die Augen.
Spürte jede Unebenheit seiner Zunge, die Wärme seines Mundes, die Art, wie er sie hielt – nicht besitzergreifend, sondern als würde er etwas Kostbares bewahren.
Die Spannung stieg in Wellen, zog sich zusammen, löste sich wieder, stieg höher.
Ihre Hüften hoben sich ihm entgegen, kaum merklich.
Er verstand.
Folgt dem Rhythmus, den sie vorgab, ohne ihn zu überholen.
Als die Welle schließlich brach, war es kein Schrei.
Nur ein langer, zitternder Ausatem, der in der Stille des Raums hängen blieb.
Ihre Finger krallten sich in sein Haar.
Hielten ihn dort, bis das Zittern nachließ.
Er erhob sich langsam.
Seine Stirn lehnte einen Moment an ihrer.
Beide atmeten schwer, aber gleichmäßig.
Sie öffnete seine Hose, ohne Eile.
Ihre Hand umschloss ihn, fühlte die Hitze, die Härte, die leichte Pulsation unter der Haut. Sie strich darüber, langsam, als wollte sie jede Vene nachzeichnen, die Wärme in sich aufnehmen, die ihn ausmachte. Die Berührung war intim, fast nachdenklich, und sie spürte, wie er in ihrer Hand anschwoll, reagierte auf die sanfte Reibung.
Sie führte ihn, nicht hastig, sondern mit einer ruhigen Gewissheit, als wäre dies der nächste Satz in einer Geschichte, die sie gemeinsam schrieben. Ihre Finger glitten über die empfindliche Spitze, verteilten die Feuchtigkeit, die sich dort gebildet hatte, und sie hörte seinen Atem stocken, nur für einen Moment.
Als er in sie eindrang, war es kein Stoß.
Es war ein Gleiten, ein langsames Füllen, das sie beide spürten. Millimeter für Millimeter, als würde die Zeit sich dehnen, um jeden Punkt der Berührung auszukosten. Sie fühlte die Dehnung, die Wärme, die sie ausfüllte, und ein leises Ziehen in ihrem Inneren, das sich in Wohlgefühl auflöste.
Sie schlang die Beine um ihn, zog ihn tiefer, nicht fordernd, sondern haltend, ihre Fersen in seinem Rücken verankert, als wollte sie ihn in sich bewahren. Ihre Hände wanderten zu seinen Schultern, spürten die Muskeln darunter, die sich anspannten und lösten im Rhythmus ihrer Bewegungen.
Sie bewegten sich gemeinsam, in einem Tempo, das keinem von ihnen gehörte, sondern dem Raum zwischen ihnen. Jedes Eindringen war bedacht, ein langsames Vorantasten, das sie beide atmen ließ, als wäre jede Vereinigung eine separate Entdeckung. Jedes Zurückziehen ein Moment der Sehnsucht, der die Leere betonte, nur um sie gleich wieder zu füllen.
Ihre Nägel gruben sich leicht in seinen Rücken, nicht kratzend, sondern als wollten sie ihn näher spüren, die Haut unter dem Hemd ertasten, die Wärme teilen. Sie spürte den Schweiß, der sich zwischen ihnen bildete, feucht und glitschig, der ihre Bewegungen flüssiger machte, ohne die Intimität zu mindern.
Die Spannung baute sich erneut auf, diesmal in ihnen beiden zugleich. Sie wuchs in Wellen, begann tief in ihrem Unterleib, strahlte aus in ihre Glieder, machte ihre Haut empfindlicher für jede Berührung. Sein Atem wurde rauer, kam in Stößen, die sich mit ihrem mischten, und sie hörte das leise Geräusch ihrer Körper, die aufeinandertrafen – nicht laut, sondern wie ein Flüstern in der Nacht.
Ihre Hüften hoben sich ihm entgegen, passten sich seinem Rhythmus an, suchten die Tiefe, die sie beide brauchten. Sie fühlte, wie sich alles in ihr zusammenzog, enger wurde, als wollte ihr Körper ihn festhalten, und gleichzeitig löste sich etwas in ihr, ein langsames Aufgeben an die Empfindung.
Bis der Moment kam, in dem alles stillstand – nur für einen Herzschlag – und dann über die Kante fiel. Die Welle brach über sie hinweg, zog sie mit, ließ ihren Körper zittern, ihre Muskeln sich anspannen und lösen in rhythmischen Zügen. Es begann als ein tiefes Ziehen in ihrem Inneren, das sich ausbreitete, wie ein Faden, der sich straffte und dann riss. Wärme floss durch sie, pulsierend, von der Stelle, wo sie verbunden waren, bis in ihre Fingerspitzen, ihre Zehen. Jeder Muskel zog sich zusammen, hielt die Empfindung fest, und sie spürte, wie sich ihr Inneres um ihn schloss, rhythmisch, als wollte es ihn melken, die Wärme teilen. Ihr Atem stockte, wurde zu einem leisen, kehligen Laut, der in ihrer Brust vibrierte, und Sterne tanzten hinter ihren geschlossenen Lidern – nicht grell, sondern weich, wie das blaue Licht der Bildschirme im Raum. Die Intensität hielt an, dehnte sich aus, ein Moment der Schwerelosigkeit, in dem nichts existierte außer diesem Gefühl, das sie durchflutete, sie auflöste und wieder zusammensetzte. Langsam ebbte es ab, in sanften Nachwellen, die ihren Körper noch zittern ließen, ihre Haut kribbeln, als wäre sie neu geboren.
Sie presste sich an ihn, spürte, wie er tiefer glitt, und ein leises, inneres Vibrieren durchfuhr sie, das sich in Wärme auflöste.
Er kam tief in ihr, mit einem leisen, erstickten Laut an ihrer Schulter, der sich in ihr Ohr grub wie ein Geheimnis. Sie fühlte die Wärme, die Pulsation, die sich in ihr ausbreitete, und schloss die Augen, während ihr eigener Körper noch einmal zitterte, leiser diesmal, begleitet von einem Nachhall, der lange anhielt. Ihre Hände glitten über seinen Rücken, streichelten die feuchte Haut, als wollte sie die Erinnerung festhalten.
Danach war nichts dramatisch.
Kein Geständnis.
Kein Plan.
Nur zwei Körper, die langsamer wurden.
Und Atem, der wieder normal klang.
„Wir sollten…“, begann sie.
„Ja“, sagte er.
„Morgen.“
„Ja.“
Sie lächelte.
Nicht romantisch.
Richtig.

von Clara, Erovelle Team

Clara schreibt für Erovelle über die stillen Spannungen zwischen Nähe und Distanz, über jene Momente, in denen sich zwei Menschen neu begegnen. In dieser Geschichte erkundet sie, wie Begehren entsteht, wenn Worte verblassen und der Körper übernimmt.

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