Über den Wolken, unter der Haut
Zwischen Sicherheitskontrolle und Landung: Ein Blick, eine Entscheidung – und eine Begegnung, die tiefer geht als jede Reise.
Ich war zu früh am Flughafen, zu wach für die Uhrzeit und zu müde für klare Gedanken. Die Rolltreppen summten leise, als hätten sie die Nacht noch nicht ganz abgeschüttelt, und der Geruch von Kaffee hing wie ein dünner Schleier in der Luft. Ich hatte nur Handgepäck, eine zu leichte Jacke, und das Gefühl, dass der Tag mich irgendwohin tragen würde, wo ich noch nicht war.
Die Sicherheitskontrolle war fast leer. Ich legte Uhr und Gürtel in die graue Box, spürte den kühlen Kunststoff unter meinen Fingern. Hinter mir stand er. Ich merkte es zuerst an seiner Ruhe. Kein nervöses Wippen, keine ungeduldigen Bewegungen – nur ein gleichmäßiger Stand, wie jemand, der weiß, dass er warten kann. Er trug ein offenes Hemd, die Ärmel lässig hochgekrempelt, und hielt den Griff seines Trolleys locker mit beiden Händen. Sein Blick war nicht flüchtig. Er ruhte irgendwo zwischen meinem Profil und dem Nichts dahinter.
Als ich durch den Scanner trat, piepte nichts. Ich griff nach meiner Box, nahm Jacke und Tasche, und im gleichen Moment trat er ein Stück näher. Nicht aufdringlich, aber nah genug, dass ich die Wärme seiner Präsenz spürte – wie ein Schatten, der sich sanft über einen legt.
Ich ging zum Gate A17. Er folgte nicht direkt, setzte sich ein paar Stühle weiter, so dass wir uns im seitlichen Blickfeld hatten. Draußen glänzte der Bauch des Flugzeugs im fahlen Morgenlicht. Er legte die Hände auf die Oberschenkel, und obwohl er geradeaus sah, wusste ich, dass er mich wahrnahm.
Beim Boarding ließ er mich vorgehen. Ich nahm Platz in 8C, Gang. Er ging vorbei, streifte mit dem Arm ganz leicht meinen Mantel, und setzte sich in 10A ans Fenster. Kein Wort. Kein Lächeln. Nur ein minimaler Neigungswinkel seines Kopfes, als ich mich setzte.
Der Start war sanft. Das Flugzeug schob sich durch eine Wolke, die das Licht kurz dämpfte, und in dieser gedämpften Stille spürte ich, dass er noch immer da war, obwohl zwei Reihen zwischen uns lagen. Die Stewardess kam mit dem Wagen, das leise Klackern der Rollen war fast beruhigend. Ich nahm Kaffee, er Wasser.
Als das Anschnallzeichen erlosch, stand er auf. Sein Gang war langsam, fast wie im Takt mit der gedämpften Vibration des Flugzeugs. Er blieb kurz neben meiner Reihe stehen, als würde er etwas suchen – oder prüfen. Dann ging er weiter nach vorne, verschwand hinter dem Vorhang zur Galley.
Ich wusste nicht, warum ich sofort spürte, dass ich ihm folgen würde. Aber ich stand auf, als wäre es keine Entscheidung gewesen, sondern ein Reflex.
Der Vorhang fiel hinter mir zu, als hätte er die Welt draußen abgetrennt. Hier vorne war die Luft wärmer, dichter, und roch nach heißem Metall, Kaffee und einem Hauch von ihm. Er stand mit dem Rücken zu mir, eine Hand locker auf der schmalen Arbeitsfläche, die andere am Rand einer Schublade. Langsam drehte er sich um, und in diesem Blick lag kein Erstaunen, nur Gewissheit – als hätte er gewusst, dass ich kommen würde.
Er machte einen Schritt auf mich zu. Die Enge der Galley zwang mich nicht zurück, aber sie ließ jeden Zentimeter zwischen uns wie einen stillen Dialog wirken. Als er an mir vorbeiging, streifte seine Schulter meine – nicht hastig, nicht zufällig, sondern wie ein kontrolliertes Setzen eines Zeichens. Wärme breitete sich von dieser Berührung in mir aus.
Seine Hand erreichte meine Hüfte. Kein Zögern, kein vorsichtiges Fragen, nur der feste, klare Griff, der mich an Ort und Stelle hielt. Ich fühlte, wie seine Finger sich um den Knochen legten, wie der Druck sich verstärkte, gerade so weit, dass mein Körper wusste: Bewegung ist nicht gewollt.
Sein anderes Handgelenk kam hoch, legte sich leicht an meinen Hals, den Daumen unterhalb meines Kiefers. Nicht drückend, nur lenkend, als wollte er meinen Blick dort halten, wo er ihn haben wollte. Ich spürte die Wärme seiner Haut, den gleichmäßigen Puls, und darunter eine Spannung, die nicht ungeduldig, aber unaufhaltsam war.
Er beugte sich näher, so nah, dass sein Atem meine Haut traf – warm, rhythmisch, spürbar gegen die zarte Stelle unter meinem Ohr. Kein Kuss. Nur diese Nähe, die meinen Atem kurz anhielt. Ich roch ihn – sauber, männlich, und mit diesem kaum wahrnehmbaren Unterton, den man nicht kaufen kann.
Seine Hand an meiner Hüfte begann, mich leicht zu drehen, so dass mein Rücken die Arbeitsfläche berührte. Der kalte Metallrand zeichnete sich wie ein Rahmen an meiner Taille ab. Er nutzte diesen Halt, um näher zu kommen, bis unsere Körper nur noch den Raum von Stoff zwischen sich hatten.
Dann wanderte seine Hand tiefer, über den Saum meines Rocks. Langsam, absichtlich, jede Bewegung so kontrolliert, dass ich wusste: Er führte das Tempo. Seine Finger glitten an der Außenseite meines Oberschenkels entlang, warm und fordernd, bis sie die Innenseite erreichten – weicher, empfindlicher, elektrischer.
Meine Knie gaben unwillkürlich etwas nach, und er nutzte es, um sich zwischen sie zu stellen. Der Stoff meiner Strumpfhose spannte leicht, als er ihn mit einem präzisen Zug beiseite schob. Kalte Luft traf meine Haut – und dann seine Hand, warm, flach, mit diesem leichten Druck, der nicht nur berührte, sondern Besitz nahm.
Er bewegte sich langsam, zuerst nur ertastend, seine Finger wie ein Kreis, der enger wurde, bis er genau dort war, wo mein Atem ins Stocken geriet. Kein hastiges Drängen – er hielt meinen Blick, während er den Rhythmus fand. Ein Rhythmus, der klein begann, sanft, dann stetig fester, schneller, so wie man einen Ton aufbaut, bis er den ganzen Raum füllt.
Meine Hände fanden seinen Oberarm, hart unter dem Stoff, und ich hielt mich daran fest wie an einem Geländer in dieser Enge. Er ließ mich nicht entkommen – nicht mit den Hüften, nicht mit dem Blick. Seine Bewegungen blieben gleichmäßig, kontrolliert, und genau das trieb mich höher.
Sein Atem war jetzt an meinem Ohr, tiefer, unregelmäßiger, und als er die Bewegung leicht variierte – fester, kürzere Stöße, dann wieder länger ziehend – schoss eine Welle von Wärme durch mich, von der Hüfte bis in die Beine. Ich spürte, wie mein Körper auf Spannung ging, wie jeder Muskel sich auf diesen einen Punkt konzentrierte, den er nicht losließ.
Er spürte es. Ich wusste es an der Art, wie sein Griff fester wurde, wie er den Rhythmus hielt, mich an der Kante hielt, nur um dann noch tiefer zu gehen. Kein Wort fiel, nur dieses Atmen, dieses leise Schaben des Stoffes, die Vibrationen des Flugzeugs unter unseren Füßen.
Als es kam, kam es leise, aber unaufhaltsam. Eine Welle, die mich nach vorne zog, in ihn hinein, während er mich festhielt, sicher, unbeweglich, sein Griff so beständig wie der Boden unter mir. Ich fühlte, wie sich meine Finger in seinen Arm gruben, während mein Atem stoßweise zurückkehrte.
Er lockerte erst dann, ließ meine Kleidung wieder an ihren Platz gleiten, strich den Rock glatt, als sei nichts geschehen. Sein Blick blieb noch einen Moment auf meinem Gesicht, dann trat er einen Schritt zurück, schob den Vorhang auf – und ließ mich zurück in das gedämpfte Licht der Kabine.
Wir sagten nichts, als ich zurück zu meinem Platz ging. Meine Schritte waren langsam, fast schwer, als würde die enge Gangway zwischen den Sitzreihen länger werden. Ich spürte noch den Druck seiner Finger an meiner Taille, den warmen Abdruck seiner Handflächen auf meiner Haut. Die Decke über meinen Schultern war plötzlich zu viel, mein Pullover zu nah an meinem Körper.
Er saß wieder in 10A, den Blick nach draußen gerichtet. Aber als ich an ihm vorbeiging, sah ich es: ein kaum merkliches Zucken seiner Mundwinkel, als wüsste er genau, dass ich wusste.
Ich ließ mich in 8C fallen, atmete tief durch, als der Kapitän die Ansage machte. Noch 40 Minuten.
Die Welt draußen war ein Flickenteppich aus Wolken und Licht. Ich sah hinaus, hörte das gedämpfte Summen der Turbinen – und jedes Mal, wenn das Flugzeug leicht vibrierte, dachte ich an den Druck seiner Hüfte, an den festen Griff in meinem Haar. Mein Herzschlag passte sich noch immer nicht dem ruhigen Takt der Maschine an.
Beim Aussteigen gingen wir nacheinander. Keine Berührung mehr, keine Worte. Nur im Glas der Tür sah ich für einen Augenblick unsere Spiegelbilder – nah genug, um zu wissen, dass dies kein Zufall gewesen war.
Als wir ins Terminal traten, war er plötzlich nicht mehr da. Menschen strömten an mir vorbei, Trolleys klackerten, die Durchsagen hallten von den Wänden. Ich blieb stehen, eine Sekunde zu lang.
Mein Handgepäck wog schwerer als zuvor, und doch war mein Schritt leichter, als ich durch die Halle ging.
Ich wusste, dass ich ihn nicht suchen würde.
Aber der Abdruck seiner Hände würde noch bleiben.
Länger als jeder Flug.
von Sophie (38), Wien
Sophie schreibt seit Jahren über Reisen und Gefühle – manchmal zart, manchmal schwindelerregend. Für Erovelle teilt sie eine Geschichte über Nähe in Bewegung und das Verschwimmen von Grenzen.
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