Sturmlicht
Ein Tropensturm, eine einsame Strandvilla, ein Fremder mit ruhiger, bestimmender Präsenz. Zwischen Kerzenlicht und Regen prallen zwei Energien aufeinander – und finden einen Rhythmus, der tiefer geht als jede Berührung.
Der Regen beginnt, als würde jemand den Himmel schräg halten. Er fällt nicht einfach; er stürzt. Die Palmen vor der Veranda knicken nicht, sie beugen sich, als hätten sie eine Regel gelernt, die plötzlich gilt. Ich stehe barfuß auf den warmen Fliesen und spüre, wie die Luft dichter wird, bis sie auf meiner Haut liegt wie ein feuchtes Tuch. Es riecht nach Mangokernen, Salz, nasser Erde.
Ich bin seit drei Tagen in dieser Strandvilla auf Koh Samui. Ich wollte „allein sein“, dieses große, ehrliche Alleinsein, das nicht ausweicht und nichts entschuldigt. Am Nachmittag habe ich ihn gesehen: am Rand des Strands, wo der Sand grob wird und die Steine beginnen. Er trug eine helle Leinenhose und ein Hemd, das am Nacken aufgeknöpft war, als hätte er das Atmen bewusst der Umgebung überlassen. Er hob den Blick nur kurz, so präzise, dass ich spürte, wie mein Körper sich straffte, bevor ich verstand, weshalb.
Die erste Böe schlägt die Tür der Küche auf. Ich laufe hin, will sie schließen, doch der Wind stemmt sich dagegen, überraschend schwer. Und dann steht er dort — in meinem Türrahmen, tropfnass, mit diesem ruhigen Blick, als hätte er den Sturm persönlich mitgebracht.
„Strom fällt gleich aus“, sagt er. Seine Stimme klingt wie etwas, das man in der Hand drehen und prüfen kann. „Die Straße ist schon überschwemmt. Bei mir bricht die Scheibe vom Westfenster. Darf ich…?“
Er braucht den Satz nicht zu beenden. Ich trete beiseite. Er riecht nach Regen, nach Holz, nach einem Hauch von Kaffee. Er streift das Hemd ab, als sei das selbstverständlich, und ich beobachte, wie das Wasser von seiner Schulterkante zu Boden tropft, regeltreu. Eine Narbe zieht sich über seinen linken Oberarm, schmal, alt. Ich frage nicht.
„Ich bin Aras“, sagt er. Es ist kein Händedruck‑Moment. Es ist ein Satz, der den Raum markiert.
„Mara“, antworte ich.
Er sieht sich um, wie Menschen, die an Karten glauben. „Du hast Kerzen?“
Ich nicke und hole sie aus der Schublade. Er nimmt mir das Streichholz aus der Hand, entzündet die erste Flamme mit einer Selbstverständlichkeit, die in mir etwas aufrichtet. Es ist eine winzige Geste, aber meine Muskeln reagieren, als hätte jemand den Ton im Raum geändert. Die Schatten arbeiten sofort. Die Villa wird zur Bühne für das, was die Nacht plant.
„Tür sichern“, sagt er und zeigt zum Eingangsbereich. Seine Finger berühren meinen Ellbogen, damit ich die Richtung verstehe. Nicht grob. Bestimmt. Ich spüre das Gewicht seiner Absicht dort, wo die Haut am dünnsten ist, und mein Bauch reagiert, als hätte er einen alten Schalter gefunden. Ich schiebe die Riegel vor; sie klingen metallisch, zuverlässig. Der Sturm schlägt nun gegen das Haus, ohne Einlass. Drinnen bin ich—wir sind—in einem Kreis aus warmer Luft und Kerzenlicht.
„Du bist allein hier“, stellt er fest.
„Das war der Plan.“
„Pläne treffen auf Wetter.“
„Und auf Fremde“, sage ich, mehr zu mir selbst als zu ihm.
Er lächelt nicht. Es ist kein Abend für Dekorationen. „Ich kümmere mich um die Fenster. Dann koche ich Tee. Du wirst kalt.“
Ich bin nicht kalt. Aber ich setze mich an den Tisch und schaue ihm zu, wie er mit einer Ruhe hantiert, die nichts beweisen muss. Er klemmt ein Handtuch unter die Balkontür, prüft die Angeln, stopft einen Spalt mit einer Decke. Es gibt Menschen, die einen Raum betreten und ihn verändern, ohne ihn zu stören. Er gehört zu ihnen. Als er sich bückt, spüre ich, wie mein Atem flacher wird — nicht wegen des Anblicks, sondern wegen der Ordnung, die seine Bewegungen haben. Mein Körper ist bereit, sich dieser Ordnung zu fügen, als hätte er gewartet.
Der Strom geht. Die Klimaanlage verstummt, und die Nacht wird hörbar: Wasser, Blätter, der tiefe, langsame Bass des Donners, als würde die Insel atmen. Aras stellt die Kerzen so, dass sie nicht flackern, und füllt den Topf mit Wasser. „Gas funktioniert“, sagt er, und das Klicken der Zündung ist das einzige helle Geräusch. Ich beobachte seine Hände. Seine Hände sagen, was er ist: jemand, der Dinge hinsetzt und sie dort lässt, wo sie am meisten Sinn ergeben.
Der Tee schmeckt nach Ingwer und einem Gewürz, das ich nicht benennen kann. Er setzt sich mir gegenüber, die Ellenbogen auf dem Tisch, als wollten wir eine Entscheidung treffen. Ich spüre mein Herz an den falschen Stellen — Schlüsselbein, Kniekehle, Zunge. Er schweigt. Ich schweige auch. Das Schweigen ist kein Loch, es ist ein Boden.
„Wenn ich bleibe“, sagt er schließlich, „dann nur, wenn du es willst.“
Ich nicke zu schnell, spüre es selbst, korrigiere mich in der Haltung. „Ich will.“
Er sieht mir in die Augen, lange genug, dass ich den Reflex spüre, wegzusehen. Ich tue es nicht. Die Luft zwischen uns verdichtet sich.
„Gut“, sagt er. „Dann sind wir uns über eines einig: Ich gebe den Ton vor.“
Die Kerze knackt leise. Ich höre meinen eigenen Puls, ein bisschen zu laut. Es ist kein Versprechen und keine Drohung, eher ein Geländer, das plötzlich da ist. Ich spüre die Erleichterung in meinen Schultern, so klar, dass ich lächeln muss. „Und wenn mir etwas nicht gefällt, sage ich es.“
„Du sagst es sofort.“ Seine Stimme ist weich, aber unmissverständlich. „Kein Raten. Klarheit ist Respekt.“
Ich nicke. Es ist seltsam leicht, Ja zu sagen, wenn die Regeln so deutlich sind. Er steht auf. Der Raum bewegt sich mit ihm, so fühlt es sich an. Als er neben mir steht, legt er zwei Finger unter mein Kinn. Nicht, um mich zu heben, nur um Präsenz anzumelden. Mein Atem holt einmal weit aus, wie vor einem Sprung.
„Aufstehen“, sagt er leise.
Ich stehe auf.
„Dreh dich zur Wand.“
Ich drehe mich. Die Wand ist warm von der feuchten Luft. Ich lege die Handflächen dagegen, unaufgefordert. Mein Körper kommt mir zuvor. Der Putz ist fein, die Haut meiner Innenhand wird darauf plötzlich wichtig. Ich spüre den Sturm im Rücken, die Schwere des Hauses in meinen Armen, das Messer aus Erwartung entlang meiner Wirbelsäule.
Seine Hand liegt auf meinem Nacken. Nicht hart, aber mit Gewicht. Es ist ein Gewicht, das mich nicht niederdrückt, sondern in die Kontur meines Körpers hineinführt. Ich merke, wie sich meine Knie minimal beugen, als wollten sie das, was kommt, abfedern. Mein Bauch spannt sich an, ohne Anweisung. Er sagt meinen Namen so leise, dass ich ihn mehr in mir höre als draußen. Ich antworte mit Luft, nicht mit Worten.
„Atme durch den Mund“, sagt er. „Langsam.“
Ich tue es. Mein Kiefer entspannt sich, meine Zunge liegt breiter, als wolle sie Platz machen. Jede Ausatmung macht mich wärmer; sie legt eine Spur in mir, der mein Blut folgt. Ich höre den Regen jetzt wie einen Vorhang, den niemand mehr zuziehen will. Aras‘ Daumen wandert an den Ansatz meiner Haare, kreist dort, als würde er mein Nervensystem an einer Stelle aufwecken, die eine andere Sprache spricht. Ich fühle, wie mein Rücken sich in eine weichere Linie fügt. Mein Widerstand ist nicht weg — er ist nur wissend geworden, wachsam, fast zufrieden.
„Guter Punkt“, murmelt er, als könnte er meine innere Bewegung lesen. „Konzentrier dich auf deinen Bauch.“
Ich lenke meinen Atem dorthin. Beim Einatmen wird er weit, beim Ausatmen schwer. Die Schwere ist angenehm, sichernd. Mein Becken reagiert, unwillkürlich, rückt einen Hauch zurück, als wolle es seine Anwesenheit ausbalancieren. Ich spüre ihn — nicht als Form, sondern als Feld. Die Nähe hat Gewicht, das noch kein Kontakt ist, aber schon eine Entscheidung. Mein Körper sendet kleine elektrische Nachrichten nach unten, aufgeregt und geordnet zugleich.
„Sag mir, wenn du zu viel denkst“, sagt er.
„Ich denke nicht. Ich… fühle.“
„Gut.“
Seine andere Hand findet meinen Unterarm, führt ihn ein wenig höher, so dass meine Fingerspitzen die Wand stärker bemerken. Ich merke, wie die kleinste Korrektur den Rest meines Körpers neu ordnet. Es ist, als würde jemand die Sätze in meinem Kopf umstellen, bis sie klingen. Ich warte auf den ersten wirklichen Kontakt wie auf eine klare, laute Note.
Er tritt näher. Der erste Druck kommt an meinem Rücken, ganz oben, ein ruhiges Anlehnen, das wenig ist und alles ändert. Mein Körper antwortet mit einer Welle vom Nacken bis in die Oberschenkel, dieses warme, schwellende Ja, das nicht aus Gedanken gemacht ist. Mein Atem stockt nicht — er lagert sich tiefer. Ich werde schwer in mir, und gleichzeitig prickelt meine Haut, als hätte sie kleine Fenster, durch die der Sturm hineinsieht.
„So“, sagt er, und ich weiß, dass er die Stellung meint, nicht mich. Und doch trifft es mich: „so“ — richtig, genug, bereit.
Als er mich berührt, ist es kein Streicheln. Es ist eine klare, gezielte Bewegung, die mich da abholt, wo mein Körper schon wartet. Er setzt die Hand flach an meinen unteren Rücken, zieht mich eine Spur an sich heran. Meine Knie geben nach, kontrolliert, mein Gewicht verschiebt sich in die Füße, in die Zehen. Etwas in mir klappt auf wie eine Schublade, die leicht klemmt und dann doch nachgibt. Ich lasse ein Geräusch entweichen, das ich selten mache — es ist klein, ernst, kein Schmuck.
„Halt es“, sagt er in mein Ohr. Ich weiß nicht, ob er meinen Ton oder meine Stellung meint. Ich halte beides.
Der Akt beginnt nicht mit einem plötzlichen, großen Schritt, sondern mit einem präzisen Einschwingen. Er nimmt mich, und ich lasse mich nehmen, und in diesem Nehmen bin ich aktiver, als ich es aussehen lasse. Ich ordne die Muskulatur meines Beckenbodens, als würde ich ihn in einen Raum führen, den ich kenne und öffne. Die Wärme breitet sich aus wie Tinte in Wasser, und ich spüre jede Linie, die sie zeichnet. Ich bin sehr bei mir und gleichzeitig sehr bei ihm, als hätte jemand die Grenzen transparent gemacht. Mein Rücken will sich ins Hohlkreuz stehlen; er legt die Hand auf, korrigiert mich in eine Linie, die mich stärker macht. Diese Korrektur ist wie ein Licht an der richtigen Stelle.
Der Rhythmus findet uns. Er ist zunächst geduldig, prüfend, wie das Klopfen an eine Tür, die man nicht einschlagen will. Ich antworte, indem ich mein Becken minimal kippe, eine Gegenbewegung, die die Reibung dort bündelt, wo mein Körper am hellsten wird. Alles in mir zieht sich weiter nach vorn, als würde ich die Bewegung vorwegnehmen, dulden, fordern. Es ist ein eigenartiger Stolz in dem, was ich hergebe, und ein ruhiges Triumphpflanzen in dem, was ich mir nehme.
„Gut so“, sagt er, und das Lob trifft mich tiefer als Berührung. Meine Haut sammelt es ein, verteilt es.
Als er intensiver wird, gehe ich mit. Nicht aus Pflicht, sondern aus Hunger. Meine Beine zittern kurz, kontrollierte Nachgiebigkeit; ich korrigiere den Stand, weiter auseinander, die Zehen greifen die Fliese, finden Halt. Ich fühle, wie die Wärme in mich hinein steigt und dann wieder abrollt, eine Düne, die nie ganz zusammenfällt. Meine Hände drücken gegen die Wand, ich spüre meine Fingerknöchel, spüre sogar die feinen Linien auf meinen Handflächen, als wollten sie mitschreiben. Jeder tiefere Vorstoß zerlegt mich einen Moment in Einzelteile und setzt mich sofort wieder zusammen, nur dichter. Ich merke, wann ich den Atem anhalte, und lasse los; das Loslassen macht den nächsten Moment größer.
„Sag, wenn ich zu weit gehe“, sagt er, als würde er eine Messung neu kalibrieren.
„Weiter“, antworte ich, und das Wort ist kein Befehl, sondern eine Öffnung.
Er folgt. Die Lautstärke zwischen uns nimmt zu, erst subtil — mein Atem, seine —, dann hörbar. Ich höre mich, aber anders, rauer, als spräche ein Teil von mir, der im Alltag schweigt. Es gibt einen Punkt, an dem meine Wahrnehmung der Außenwelt in eine dünne Linie rückt: der Regen ist noch da, aber er ist für mich nur noch Beleg, nicht Anlass. Die Kerze wirft einen langen Schatten unserer beiden Körper über die Wand, und die Linie, in der unsere Silhouetten sich überlagern, ist das, was ich am deutlichsten sehe. Ich fühle mich ausgedehnt, als würde meine Haut ein Zimmer größer, und zugleich gebündelt in einem Kern, der heiß und ruhig ist.
Es gibt einen Moment, in dem er den Rhythmus wechselt — nicht schneller, sondern tiefer, wie ein Tonleiterwechsel. Mein Körper zieht sich sofort zusammen, diesmal nicht aus Widerstand, sondern aus Vorfreude. Ich spüre die erste enge Spirale, die unten beginnt und sich nach oben schraubt, Rippe für Rippe. Ich halte sie, ich lasse sie nicht entgleiten. Ich bleibe bei meinem Atem, als sei er ein Knoten. Mein Becken bewegt sich von selbst, beantwortet jeden Stoß mit einer kleinen, exakten Gegenkurve. Es ist körperlich, so körperlich, und doch ist der Raum in meinem Kopf klar wie nach einem Gewitter.
„Noch“, sage ich, ungebeten. „Noch.“
Seine Hand wandert von meinem Rücken an meine Seite, umfasst mich, hält mich dort, als müsse er mich nicht festhalten, sondern daran erinnern, dass ich da bin. Dieses Halten ist das Gegengeschenk zur Wucht; es macht mich nicht klein, sondern genauer. Ich weiß jetzt, dass die Spirale zugeht. Es ist nicht das plötzliche, hohe Überrennen, sondern das feste, tiefe Zufallen, wie eine Schublade, die ganz in ihren Schrank rutscht. Ich beiße mir auf die Lippe, nicht aus Schmerz, sondern um den Ton zu halten. Als es passiert, bin ich warm und schwer und weit. Mein „Ja“ ist nicht ausgesprochen, aber jeder Muskel sagt es. Ich löse die Hände von der Wand und lege sie wieder an, einfach um die Struktur zu fühlen, die mich hält.
Er bleibt bei mir, verändert den Rhythmus wieder minimal, als wüsste er genau, wie Nachbeben funktionieren. Meine Beine sind weich, meine Knie bitten um ein anderes Gewicht; er versteht, stützt, zieht mich einen Schritt zurück, so dass ich ihn mit meinem Rücken spüre. Ich lehne meinen Kopf gegen seine Schulter, meine Haut ist heiß, meine Stirn ist feucht. Er sagt nichts. Worte wären jetzt zu viel.
Wir bleiben so stehen, während draußen die Nacht immer noch das Haus umspült. Als er sich löst, tut er es langsam, mit diesem Respekt, der kein Theater ist. Ich drehe mich zu ihm um. Es fühlt sich an wie das Umdrehen einer Seite, auf der noch etwas zu lesen ist. Er sieht mich an, prüfend, nicht wie ein Kontrollgang, eher wie ein Blick, der fragt: „Ist alles da, wo es sein soll?“ Ich nicke. Ich bin da.
Wir gehen zum Tisch. Der Tee ist lauwarm. Ich trinke, und das Ingwerbrennen scheint wieder etwas zu ordnen. Aras stellt eine der Kerzen näher an die Kante, damit das Wachs nicht tropft. Ich beobachte seine Hände, als wären sie ein weiterer Raum, den ich kennengelernt habe. Ein Blitz spaltet kurz die Dunkelheit, der Donner folgt weich, als wäre er durch Kissen gereist.
„Du zittrst“, sagt er.
„Nur die Waden. Guter Muskelkater in Ansätzen.“
„Wir dehnen später.“ Er sagt es so beiläufig, dass ich lachen muss. Mein Lachen ist heiser, aber frei.
Wir verziehen uns auf den Boden, dorthin, wo eine Bastmatte die Fliesen bricht. Er lehnt sich an die Wand und zieht mich zwischen seine Beine, mein Rücken an seiner Brust, meine Füße auf der Matte. Er nimmt meine Fußsohle in die Hand, drückt sanft, streicht entlang des Gewölbes, als wolle er eine Saite stimmen. Der Druck ist wundersam nüchtern und doch intim. Mein Körper quittiert, dass man ihm zuhört. Ich spüre Nachbeben als kleine, helle Punkte, die unter seiner Hand leuchten.
„Sag mir, was du gerade fühlst“, bittet er irgendwann.
Ich suche nicht nach klugen Worten. „Groß und beruhigt“, sage ich. „Wie ein See, wenn die Regentropfen aufhören, aber die Oberfläche noch erzählt, dass es geregnet hat.“
„Gut“, sagt er. „So mag ich dich.“
Wir bleiben eine Weile so. Die Kerzen werden kleiner. Draußen verliert der Regen die Wut und behält das Gewicht. Ich nicke weg, kurz, wache an einer Bewegung auf: Er legt mir eine dünne Decke über die Beine, ordnet sie, als hätte Ordnung eine Temperatur. In meinem Brustkorb sitzt eine Zufriedenheit, die nicht stapelt, sondern fließt.
Später, als die Nacht das Tempo endlich drosselt, beginnen wir von vorn, aber anders. Auf der Bastmatte, gegenüberliegend, auf den Knien, er hält mein Gesicht in den Händen, während er mich wieder nimmt. Diesmal sehe ich seine Augen, und sie halten, was sein Ton verspricht: kein Spiel, keine Eitelkeit, nur diese klare, sachliche Hingabe an das, was ist. Ich öffne mich schneller, mein Körper kennt jetzt die Wege. Ich spüre alles, was durch mich hindurchgeht, und alles, was in mir bleibt. Als ich komme, diesmal kürzer, schärfer, ist es ein helles Einknicken, ein gläsernes Zerfließen, und ich halte seinen Blick aus, der mich nicht zerlegt, sondern sammelt. Er folgt mir einen Atemzug später; ich spüre sein Beben, leise, tief, kontrolliert. Er legt die Stirn an meine. Wir atmen durch.
Wir schlafen auf dem Teppich, wachen im ersten grauen Licht auf. Die Luft ist klarer, die Palmen hören auf zu beichten. Ich koche Kaffee auf dem Gasherd, er räumt die Kerzenreste zusammen, als sammelte er Beweise dafür, dass die Nacht wirklich stattgefunden hat. Wir setzen uns auf die Veranda, die Fliesen sind wieder kühl. Die Wolken hängen am Horizont wie Falten, die jemand nicht glattgestrichen hat.
„Bleibst du noch lange auf der Insel?“ fragt er schließlich.
„Zwei Tage.“
„Zwei genügen.“
Es klingt nicht hart. Es ist eine Aussage, so unaufgeregt wie das Meer am Morgen. Ich nicke. Ich weiß, was er meint. Und ich weiß, dass ein Teil von mir, der oft nach Verlängerung verlangt, diesmal zufrieden ist mit dem, was sich vollständig anfühlt, obwohl es endlich ist.
Wir gehen später an den Strand, der aufgeräumt wirkt, als habe der Sturm ihm die Unklarheit genommen. Die Fischerboote stehen wie Kommas am Satzende. Er zeigt mir eine Stelle, an der das Wasser plötzlich tiefer ist, man sieht es nicht, man spürt es. Wir gehen nicht hinein. Es reicht, zu wissen, dass sie da ist.
In der zweiten Nacht kehren wir in die gleiche Sprache zurück. Sie ist vertraut, aber nicht langweilig. Ich lerne, wie ich mit einer millimeterkleinen Bewegung alles verschieben kann; er lernt, jeden meiner Töne zu lesen, bevor ich ihn ausspreche. Es fühlt sich an wie ein Tanz, der nicht nach außen will, sondern nach innen. Ich entdecke eine Ruhe in mir, die paradox ist: je mehr ich mich hingebe, desto deutlicher spüre ich die Linie, die ich nicht aufgebe — meine. Er berührt sie nie mit dem Versuch, sie zu überschreiten. Er streicht daran entlang, anerkennend, als sei sie Teil dessen, was ihn anzieht.
Am letzten Morgen ist die Sonne so freundlich, dass sie fast ironisch wirkt. Wir frühstücken still. Er schneidet Papaya, und das Messer gleitet durch das Fleisch, als sei Widerstand nur eine Idee. Er reicht mir ein Stück; ich nehme es mit den Fingern, der Saft läuft mir über das Handgelenk. Er beugt sich vor und leckt ihn ab, ein langsamer Strich, und mein Körper speichert den Moment ab wie ein stilles Foto.
„Schreibst du mir?“ fragt er nicht. „Suchst du mich?“ auch nicht. Er nimmt mein Gesicht in beide Hände, dieses ruhige, sichere Halten, und küsst mich einmal — nicht als Schluss, sondern als Bestätigung.
Als das Taxi kommt, liegt die Straße trocken. Die Villa sieht aus, als hätte sie keine Geschichte, und ich mag das an ihr. Ich fasse den Türrahmen an, die Stelle, an der mein Rücken gestern die Wärme gespeichert hat. Ich nehme sie mit. Er stellt meinen Koffer hinaus, hebt ihn leicht, als sei Gewicht eine Meinung. Wir lächeln nicht viel. Ich steige ein. Der Fahrer nickt. Die Räder rollen an.
Auf dem Weg zum Pier ist die Insel neu, obwohl sie dieselbe ist. Ich lehne den Kopf ans Fenster und spüre noch immer seine Finger an meinem Kinn, sein „aufstehen“, sein „atme“. Ich begreife, dass es Sätze sind, die ich mir mitnehmen kann, ohne sie zu verlieren. Auf dem Boot schaue ich auf das Wasser. Es ist das gleiche, das nachts gegen das Haus angeschlagen hat, und doch sieht es jetzt unschuldig aus. Ich lache leise.
In meinem Körper bleibt eine Ordnung zurück, die keine Strenge ist. Eher ein Arrangement, das mich in mir selbst weniger verrutschen lässt. Wenn ich in ein paar Tagen wieder im Büro sitze, werde ich an die Wand denken, an die Kerzen, an den Ton, der kein Beben brauchte, um zu führen. Und wenn ich mich zu fest halte, werde ich einen Atemzug nehmen, der durch den Mund geht, bis er meinen Bauch findet. Dann wird die Erinnerung wie eine Hand meinen Nacken berühren — nicht um mich zu senken, sondern um mich dort zu verankern, wo ich mich hinwünsche: in mir, wach, bereit.
Es gibt Begegnungen, die keine Verlängerung verlangen, weil sie vollständig sind in der Erfahrung. Diese war so. Ich weiß, dass ich sie nicht suchen werde. Und doch werde ich, wenn der Regen an mein Fenster in München prasselt, kurz die Handflächen an die Wand legen — zum Testen, zum Erinnern, zur Rückversicherung, dass mein Körper längst begriffen hat, wie man sich in einem Sturm hält, der eigentlich keiner mehr ist, sondern nur noch das Nachleuchten eines Lichts, das stark genug war, um mich zu ordnen.
Wenn ich heute Nacht einschlafe, werde ich die Kerze sehen, die uns einen langen, wachen Schatten schenkte. Und ich werde wissen, dass der Schatten nicht dunkel war, sondern nur der sichtbare Beweis dafür, dass zwei Körper einen Raum so füllen können, dass für Zweifel kein Platz bleibt.
von Leonie, Erovelle Team
Leonie ist Teil des Erovelle-Teams und schreibt über die stillen Spannungen des Begehrens – dort, wo Worte zu viel wären. „Stumlicht“ ist eine Geschichte über Berührung, Vertrauen und das Nichtgesagte.
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