Die Stille vor dem Fest

Draußen fällt der Schnee, drinnen brennt nur eine Kerze. Als Julian am Heiligabend vor Helenas Tür steht, bricht die winterliche Stille. Zwischen Sandelholz und kühler Seide entlädt sich die Spannung jahrelanger Blicke in einer Nacht, die tiefer geht als jede flüchtige Begegnung.

Die Stille vor dem Fest
Photo by freestocks / Unsplash

Das Silberlicht der Straßenlaternen fing sich in den fallenden Flocken und warf tanzende, fast hypnotische Schatten an meine Zimmerdecke. Es war der Abend vor Heiligabend, jene eigentümliche Zeit im Jahr, in der die Welt den Atem anzuhalten scheint. In meiner Altbauwohnung im vierten Stock herrschte eine Stille, die so dicht war, dass ich das leise Ticken der Wanduhr im Flur wie einen eigenen, einsamen Herzschlag empfand.

Ich hatte mir ein Glas schweren, dunklen Rotwein eingeschenkt und stand am Fenster. Die Kälte der Scheibe drang durch meine Stirn und bildete einen scharfen Kontrast zur trockenen Wärme der Heizung. Draußen war das Kopfsteinpflaster der schmalen Gasse bereits unter einer makellosen, weißen Decke verschwunden. Gelegentlich eilte eine dunkle Gestalt, tief in den Mantel gehüllt, vorüber, wahrscheinlich auf dem Weg zu einem letzten Familienbesuch. In den Fenstern gegenüber brannten die Lichterketten in warmen Goldtönen, doch hier drinnen herrschte nur das matte Glühen einer einzelnen Bienenwachskerze.

Ich genoss die Einsamkeit, eigentlich. Ich liebte die Ordnung meiner Bücher, den Duft von frischem Tannenharz, den der kleine Kranz auf dem Tisch verströmte. Doch heute Abend mischte sich eine unbestimmte Unruhe unter die Ruhe. Ein Kribbeln auf der Haut, das nach einer Berührung verlangte, die kein Buch und kein Wein ersetzen konnte.

Ein plötzliches, dumpfes Geräusch aus dem Flur riss mich aus meinen Gedanken. Dann ein Fluch, tief und unterdrückt, gefolgt vom Poltern von Holz auf Stein.

Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit. Im schwach beleuchteten Treppenhaus stand Julian. Er wohnte erst seit dem Sommer gegenüber, und unsere Gespräche hatten sich bisher auf die banale Höflichkeit zwischen Nachbarn beschränkt: „Schönes Wochenende“, „Der Paketbote war da“. Doch jedes Mal, wenn wir uns im engen Flur begegneten, war da diese unsichtbare Spannung gewesen – ein zu langes Verharren der Blicke. Er roch nach Sandelholz und nach etwas Herbem, das mich an herbstliche Wälder erinnerte.

Jetzt stand er dort, ein Bündel Kaminholz im Arm, das ihm offensichtlich entglitten war. Er trug nur einen schweren, dunkelgrauen Wollpullover, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgeschoben hatte.

„Die Sicherung in meiner Küche hat sich verabschiedet“, sagte er und sah auf. Sein Lächeln war schief und ein wenig verlegen. „Und das ausgerechnet heute, wenn ich versuche, mir wenigstens ein bisschen weihnachtliche Wärme zu erarbeiten.“

„Brauchst du Hilfe?“, fragte ich, und meine Stimme klang weicher, als ich beabsichtigt hatte.

„Eigentlich nur Licht. Meine Taschenlampe hat ebenfalls den Geist aufgegeben.“

„Komm rein“, sagte ich und trat zur Seite. „Ich habe eine starke Lampe in der Küche. Und Wein. Wenn du schon im Dunkeln sitzt, musst du es wenigstens nicht nüchtern tun.“

Er zögerte eine Sekunde, dann trat er über die Schwelle. Mit ihm kam die Kälte der Nacht in meine Wohnung, ein Schwall frischer Luft, der den Duft von Honig und Wachs aufwirbelte. Er legte das Holz leise neben der Tür ab. In der Enge des Flurs schien seine Präsenz den Raum zu füllen. Er war groß, seine Schultern breit, und das dunkle Grau des Pullovers betonte die Bernsteinfarbe seiner Augen. Als ich ihm die Taschenlampe reichte, berührten sich unsere Finger. Die Hitze, die von seiner Haut ausging, ließ mein Herz einen unregelmäßigen Schlag tun.

„Danke, Helena“, sagte er leise. Er kannte meinen Namen. Er machte keine Anstalten zu gehen. Sein Blick wanderte über mein Seidenkleid, das im Kerzenlicht schimmerte wie flüssiges Metall. Die Luft zwischen uns wurde dick, fast greifbar.

„Der Wein?“, erinnerte er mich mit einem tiefen, rauen Unterton.

Ich füllte ein zweites Glas. Wir standen uns im Wohnzimmer gegenüber. Irgendwo im Haus spielte jemand Klavier – „Stille Nacht“, ganz langsam, fast wie ein Blues.

„Auf die Nachbarschaft“, sagte er. Er trank einen Schluck, dann stellte er das Glas langsam auf den Tisch. Er trat einen Schritt näher. Er hob die Hand und fuhr mit dem Handrücken über meine Wange. Seine Haut war rau, aber seine Berührung war von einer unendlichen Zärtlichkeit.

„Ich habe mir den ganzen Abend vorgestellt, wie du hier sitzt“, gestand er. „Allein. In diesem Kleid.“

Ich konnte nicht antworten. Mein Atem stockte, als er seinen Daumen über meine Unterlippe gleiten ließ. Dann beugte er sich vor. Sein Kuss schmeckte nach dem schweren Rotwein und nach einem Hunger, der mich erzittern ließ. Er hob mich hoch und setzte mich auf die massive Kommode im Flur. Meine Beine schlangen sich um seine Hüften, während seine Hände gierig unter den Saum meines Kleides glitten. Die kühle Seide und die Hitze seiner Handflächen auf meinen nackten Schenkeln trieben mir Schauer über den Rücken.

„Julian“, keuchte ich. Er zog sich den Pullover über den Kopf. Sein Oberkörper war sehnig und heiß. Ich vergrub meine Finger in seinem dichten Haar und zog ihn wieder zu mir herab.

Wir taumelten zurück ins Wohnzimmer auf den weichen Teppich. Die Kleider fielen wie von selbst. Nun lag er über mir, ein schweres, willkommenes Gewicht. Er küsste sich den Weg über meinen Hals hinunter zu meinen Brüsten. Er nahm eine Brustwarze in den Mund, seine Zunge war heiß und rau, während er sie mit sanftem Druck bearbeitete. Ich bog den Rücken durch, die Lust schoss wie ein Blitz durch meinen Körper.

Seine Hand glitt tiefer, fand die triefende Nässe zwischen meinen Beinen. Er erkundete mich mit einer Präzision, die mich den Verstand verlieren ließ. Er wusste genau, wo er drücken, wo er kreisen musste. Ich wand mich unter ihm, meine Finger krallten sich in den Teppich, während er mich mit seinen Fingern und seiner Zunge auf eine Ebene hob, die ich bisher nur aus Träumen kannte. Er verweilte bei meiner Mitte, leckte mich mit langen, festen Zügen, bis ich kurz vor dem Abgrund stand.

„Bitte“, flehte ich, meine Stimme nur noch ein heiseres Flüstern.

Er kniete sich zwischen meine Schenkel. Er hielt inne, seine Erregung berührte mich nur ganz leicht, ein quälendes Versprechen. Er sah mir tief in die Augen, suchte meine Seele, bevor er langsam, Zentimeter für Zentimeter, in mich eindrang. Ich spürte, wie sich mein Gewebe dehnte, wie er mich vollkommen ausfüllte. Ein tiefer Laut der Erleichterung entwich uns beiden.

Er begann sich zu bewegen. Erst langsam, fast ehrfürchtig, als wollte er den Moment dehnen. Bei jedem Stoß rieb sein Körper gegen meinen, das Geräusch unserer Haut und das schwere Keuchen erfüllten den Raum. Er wusste genau, wie er den Winkel verändern musste, um mich im Innersten zu treffen. Ich schlang meine Arme um seinen Hals, zog ihn zu mir hinunter, damit ich seinen heißen Atem auf meiner Haut spüren konnte.

Mit jedem Stoß wurde er fordernder. Die Sanftheit wich einer rohen, ehrlichen Gier. Er hob meine Beine an, legte sie über seine Schultern, um noch tiefer in mich einzudringen. Ich spürte, wie er mich an eine Stelle drückte, die mich vor Ekstase fast ohnmächtig werden ließ. Mein ganzer Körper war wie eine gespannte Saite.

„Sieh mich an, Helena“, raunte er. Er beschleunigte das Tempo. Ich sah das Feuer in seinen Augen, die Schweißperlen auf seiner Stirn. Wir waren eins, verloren in einem Rhythmus, der älter war als die Welt da draußen. Ich spürte, wie sich die Spannung in mir zusammenzog, wie ein glühender Kern, der kurz vor der Explosion stand.

Dann riss der Damm. Ich schrie seinen Namen, während die Wellen der Lust durch mich hindurchrollten, eine nach der anderen, heftig und berauschend. Julian hielt meinen Blick aus, stieß noch ein paar Mal kraftvoll zu, bis auch er seinen Kopf in den Nacken legte und sich mit einem tiefen Grollen in mir ergoss. Sein ganzer Körper bebte auf mir, ein Erdbeben aus Fleisch und Sehnsucht.

Wir blieben liegen, die Glieder ineinander verknotet. Die Hitze unserer Körper strahlte in den Raum ab. Der Schweiß kühlte langsam, und das Herzklopfen beruhigte sich. Draußen fiel der Schnee unermüdlich weiter.

Julian rollte sich zur Seite, zog mich aber sofort wieder in seinen Arm. Er hüllte uns in die schwere Wolldecke. Die Stille war jetzt anders – sie war gesättigt, zufrieden.

„Ich gehe nirgendwohin“, flüsterte er gegen meine Schläfe, als hätte er meine Angst vor der Rückkehr der Einsamkeit gespürt.

„Die Sicherung...“, murmelte ich schläfrig.

„Soll sie doch draußen bleiben. Ich habe hier alles, was ich brauche.“

Er strich mir die Haare aus der Stirn und küsste mich noch einmal – ein Kuss, der nicht nach Gier schmeckte, sondern nach Ankommen. In dieser Nacht, während die Welt draußen unter einer weißen Decke verschwand, begann für uns etwas Neues. Ich schloss die Augen, sicher in seinen Armen, und wusste, dass dieser Morgen der erste von vielen sein würde.

Wir lagen noch lange so da, die Dunkelheit des Zimmers war nur vom fahlen Mondschein unterbrochen, der durch die Schneewolken brach. Julian begann, mit seinen Fingerspitzen zarte Muster auf meinen Rücken zu zeichnen. Es war eine wortlose Kommunikation, ein Abtasten der neuen Realität.

„Warst du oft allein an diesen Abenden?“, fragte er schließlich leise.

„Oft genug, um zu glauben, dass es mir gefällt“, antwortete ich ehrlich. „Aber heute... heute hat sich die Stille zum ersten Mal laut angefühlt.“

Er nickte, sein Kinn rieb sanft an meinem Scheitel. „Ich habe oft drüben gesessen und das Licht in deinem Fenster gesehen. Ich habe mich gefragt, was du liest, welchen Wein du trinkst. Und ob du manchmal auch zu mir rübersiehst.“

Ich lächelte gegen seine Brust. „Vielleicht öfter, als ich zugeben wollte.“

Ein leises Knistern kam aus dem Kamin – ein letzter Rest Wärme, der noch in den Steinen gespeichert war. Die Welt draußen war vollkommen erstarrt, aber hier drinnen war das Leben in jeder Faser spürbar. Wir redeten nicht viel mehr. Die körperliche Nähe sagte alles, was gesagt werden musste. Die Art, wie seine Hand auf meiner Hüfte ruhte, wie mein Bein über seinem lag – es fühlte sich nicht wie ein flüchtiges Abenteuer an, sondern wie ein Puzzleteil, das nach langer Zeit endlich seinen Platz gefunden hatte.

Gegen drei Uhr morgens hob er mich sanft hoch und trug mich zum ersten Mal in mein Schlafzimmer. Das Bettzeug war kühl, aber sobald wir uns unter die Decke schoben, kehrte die Hitze zurück. Er zog mich von hinten ganz eng an sich, seinen Arm schützend über mich gelegt. In dieser Nacht gab es keine Träume, nur den traumlosen, tiefen Schlaf derer, die endlich Frieden gefunden haben.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war das erste, was ich wahrnahm, der Geruch von frischem Kaffee. Ich öffnete die Augen und sah das grelle, weiße Licht, das vom Neuschnee draußen in das Zimmer reflektiert wurde. Alles wirkte reiner, heller.

Julian stand in der Tür, nur in seine Jeans gekleidet, zwei Tassen in der Hand. Das Morgenlicht betonte die Linien seines Körpers, die ich in der Nacht zuvor blind erkundet hatte.

„Guten Morgen“, sagte er mit seiner tiefen Stimme, die nach dem Schlaf noch ein wenig rauer klang.

„Guten Morgen“, antwortete ich und setzte mich auf, die Decke vor meine Brust ziehend, obwohl es eigentlich keinen Grund mehr für Schamhaftigkeit gab.

Er reichte mir die Tasse und setzte sich auf die Bettkante. „Ich habe mir erlaubt, deine Küche zu inspizieren. Die Kaffeemaschine funktioniert zumindest.“

Wir tranken schweigend, aber das Schweigen war nun leicht und vertraut. Er griff nach meiner freien Hand und verschränkte seine Finger mit meinen.

„Was machen wir mit dem restlichen Heiligabend?“, fragte ich leise.

Er lächelte, und dieses Mal erreichte es seine Augen vollkommen. „Ich schlage vor, wir fangen damit an, meine Sicherung zu reparieren. Und danach... danach schauen wir einfach, wie viel Schnee noch fallen muss, damit wir diese Wohnung gar nicht mehr verlassen müssen.“

Ich lachte, ein befreites, glückliches Geräusch. Die Einsamkeit der letzten Jahre war wie der Schnee von gestern – vorhanden, aber unter einer neuen, warmen Schicht aus Hoffnung und Nähe verborgen. Es war der erste echte Feiertag seit langer Zeit, und während Julian sich über mich beugte, um mich sanft zu küssen, wusste ich, dass die Taschenlampe in der Küche noch lange unbenutzt bleiben würde. Wir hatten unser eigenes Licht gefunden.

Von Clara (42), Hamburg – Teil der Erovelle-Community.

Sie schreibt über stille Abende, an denen Nähe unerwartet entsteht.
Über Momente, in denen Einsamkeit weich wird –
und Berührungen länger bleiben als der Schnee vor dem Fenster.

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