Die Kunst der Nähe – Teil 1: Zürich, der Anfang

Eine Frau erinnert sich an den Anfang: Zürich, ein Blick, ein Abend, der alles veränderte. Die Kunst der Nähe – der erste Teil aus dem Leben von Isabelle Laurent. Elegant, sinnlich, literarisch.

Die Kunst der Nähe – Teil 1: Zürich, der Anfang
Photo by Markus Winkler / Unsplash

Das Licht über dem See war blass, fast weiß. Ich saß am Fenster eines alten Zürcher Cafés, rührte in einem Cappuccino, der zu kalt war, um noch etwas zu verändern, und hörte der Stadt beim Atmen zu. Eine Straßenbahn glitt vorbei, und in der stumpfen Spiegelung sah ich einen Augenblick mein Gesicht: vierzig, ruhig, eingefasst in die Jahre, die hinter mir lagen. Ich kannte jede Linie und doch blickte mich manchmal jemand an, den ich erst noch zu benennen hatte. Die Tür bimmelte. Eine junge Frau trat ein, Trenchcoat, ein Tick zu groß, als hätte sie sich Mut geliehen. Schlank auf diese unangestrengte Weise, selbstverständlich proportioniert. Ihr Blick blieb einen Herzschlag zu lang an allem hängen, was glitzerte. Ich kannte diesen Blick. Ich hatte ihn getragen.

Ich hob die Tasse, roch die Milch, die zu lange wartete, und stellte sie wieder hin. In meinem Notizbuch stand ein Name, den ich immer noch gelegentlich laut dachte, als gehörte er jemand anderem: Isabelle Laurent. Man nannte mich schön. Ich nannte es Gewohnheit mit Disziplin. Groß, der Rücken lang wie eine Zusage. Das Haar dunkelblond, oft in einen Knoten gesteckt, aus dem Strähnen entkommen durften, wie Gedanken, die man nur für sich zu Ende denkt. Die Haut hell, nicht kalt; durchsichtig genug, dass Licht sich darauf beruhigte. Graublaue Augen, ein dünner goldener Ring um die Iris, der Menschen gefährlich interessant macht. Lippen schmal, weich, und wenn ich sprach, suchten die Worte zuerst den Körper, dann das Ohr. Hände, die wussten, wann sie führen und wann sie stillhalten mussten. Ich trug die Zeit wie einen diskreten Schmuck, den man abends nicht ablegt.

Die junge Frau band ihren Gürtel nach, strich eine unsichtbare Falte glatt. In diesem kleinen, entschlossenen Streichen schob die Gegenwart einen Spalt auf—und als ich die Augen senkte, auf den Löffel, der gegen Porzellan klang, war ich—als ich sie wieder hob—dort, wo alles begann.

Ich stamme aus einem Haus, in dem Silber poliert und darüber geschwiegen wurde. Meine Mutter war Französin, meine Kindheit zweistimmig, Sommer zwischen Zikaden und Zirbenholz, zwischen Savoir-vivre und schweigender Präzision. Man brachte mir bei, wie man sitzt, ohne zu starren, und schweigt, ohne zu verschwinden. Mit sechzehn war ich lang, ruhig, „wohlproportioniert“, sagten Tanten, die Komplimente wie Stoff servierten. Ich begriff früh, dass Haltung ein vollendeter Satz ist. Ich lernte Kunstgeschichte, zog in die Städte hinein, die behaupteten, Kunst zu sein, und arbeitete in einer Zürcher Galerie, die sich Haus nannte, als bräuchte sie Literatur, um zu atmen.

Ich katalogisierte Genauigkeit. Ich liebte die Haut alter Leinwände, die Atempause vor einem gelungenen Bild. Weniger liebte ich Gespräche, in denen weiche Hände hart urteilten. Meine Beziehungen waren korrekt, sauber, weinbegabt. Was fehlte, war nicht Hitze—Temperatur.

An einem Herbstabend blieb ein älterer Mäzen neben mir stehen. Kein Name für die Zeitung, einer für Adressbücher. Vor uns hing eine Zeichnung: Tinte, Rücken, Halsansatz, ein Profil, das mehr Luft als Linie war. „Diese Linie weiß, wohin sie will“, sagte er. „Und kommt an, ohne zu eilen“, sagte ich. Er lächelte knapp, wie ein bestandener Test. „Manchmal ist der kürzeste Weg der, den zwei Menschen erst erfinden müssen.“ Der Satz fiel in mich und blieb, keine Einladung, eine Frage.

Ein paar Wochen später lunchten wir auf Stühlen, die bequemer waren als die Wahrheit. Er sprach von Aufmerksamkeit. „Die seltenste Währung ist Geduld im Blick.“ Ich entgegnete: „Die zweitseltenste ist Stille, die nicht flieht.“ Dann erwähnte er einen Freund—nennen wir ihn A.—, der Begegnungen suchte, die weder Theater noch Routine seien. Zwei, drei Stunden. Präsenz statt Pose. Ich ging mit zwei Sätzen im Kopf nach Hause: Ich bin keine Ware. Ich bin eine Begegnung. Abends schrieb ich sie auf. Am Morgen ergänzte ich: Ich entscheide die Beleuchtung.

Am Tag unseres Treffens roch meine Wohnung nach Seife und Entschluss. Ich öffnete den Schrank. Seide, cremefarben, der Stoff fragte, ob er bleiben dürfe. Das Abendlicht fiel schräg durch die Vorhänge, ein weiches Gold, das die Luft wärmte, ohne zu drängen. Ich ließ den Stoff über meine Haut gleiten, spürte die kühle Glätte, die sich allmählich anpasste, als atme er mit mir ein. Der Reißverschluss zog sich langsam hoch, ein leises Ziehen, das den Rhythmus meines Atems veränderte – tiefer, gleichmäßiger, als ob jede Bewegung eine Pause einlegte. Ich steckte das Haar locker auf, eine Strähne entwich und ruhte im Nacken, wo die Wärme der Haut sie hielt, ein sanfter Kontrast zur kühlen Luft. Meine Hände glitten über die Taille, dann zum Schlüsselbein, eine ruhige Berührung, die den Puls darunter spüren ließ, ohne zu fordern – nur Textur, Temperatur, ein stiller Rhythmus, der den Körper in seiner Präsenz verankerte. Keine Kette. Ich trug meinen Nacken. Schuhe, die leise waren. Im Spiegel hob ich das Kinn um eine Spur—ein Ja, das man nicht erklärt.

Kein Hotel. Zürich ist zu klein für Zufälle. Das Haus am Zürichberg hatte hohe Fenster und Flure, die Geräusche sammelten. Die Haushälterin öffnete, nickte, verschwand. Ein Aufzug mit einem Spiegel, schmal wie ein Geheimnis. A. stand am Fenster, als wäre er dort hingestellt worden, damit der Raum nicht leer wirkt. Älter, nicht alt. Ein Körper, der ein gut gearbeitetes Leben trug, ohne es zu zeigen. Hände ruhig, gepflegt, nicht weich.

„Frau Laurent“, sagte er und machte meinen Namen zu Raum. „Guten Abend“, sagte ich. Wir reichten uns nicht die Hand. Der Blick zuerst. Der Raum fand sein Maß.

„Drei Regeln“, sagte ich. „Wenig Alkohol. Ehrliche Sätze. Wir gehen, bevor die Stille kippt.“ Er nickte. „Was heißt kippt?“—„Wenn sie leer wird.“ Wasser, eine Zeste, ein Glas, das so leise gegen Holz klang, dass man es glaubt oder nicht.

Wir saßen versetzt, nicht gegnerisch. Die Stadt atmete über die Fensterbank. Smalltalk schmolz: Flughäfen, die Zeit neutralisieren. Bilder, die man erkennt, bevor man sie sieht. „Wie halten Sie Nähe aus?“, fragte er. „Ich kuratiere sie“, sagte ich. „Ich bestimme die Beleuchtung.“—„Und wenn das Licht Sie verrät?“—„Dann bleibe ich bei mir.“

Ein Luftzug bewegte den Vorhang. Ich ging ans Fenster, legte die Finger an den Rahmen und ließ die Luft meine Innenseite am Handgelenk finden, als müsste sie etwas unterschreiben. „Man sieht den See nicht“, sagte ich, „aber man glaubt ihn.“—„Glauben genügt“, sagte er. Ich drehte mich um. Er stand näher als zuvor, nicht nah. Sein Blick blieb einen Augenblick an der Stelle hängen, an der mein Atem die Haut unter dem Schlüsselbein minimal hob. Keine Gier—die kleine Unaufmerksamkeit, an der man Menschsein erkennt. Ich ließ ihn dort. Die Luft zwischen uns wurde dichter, als ob sie Gewicht annähme, ein leises Summen in der Stille. Sein Geruch erreichte mich – eine frische Note von Zitrone, vermischt mit dem sauberen Duft frischen Stoffs, der die Wärme seiner Präsenz trug. Keine Berührung, nur die Spannung der Nähe, die den Atem tiefer machte, die Temperatur der Haut leicht anhob, ohne dass ein Wort fiel.

„Darf ich Sie berühren?“, fragte er. Diese Frage kann schmeicheln, beleidigen, befreien. Heute klang sie sauber. „Nicht mein Gesicht“, sagte ich. „Noch nicht. Meine Hände—ja.“ Er hob die Seine. Ich legte meine hinein. Warm, trocken. Kein Druck, kein Test. Ich führte seine rechte Hand an meinen Unterarm, dorthin, wo Puls und Ruhe sich treffen. „So“, sagte ich. „Nicht mehr.“ Er verstand. Wir lösten die Hände gleichzeitig, als hätte jemand gezählt.

„Ich will etwas prüfen“, sagte ich. „Bitte.“—„Ob Sie aushalten, wenn Nähe fast passiert.“ Er nickte. Ich trat näher, nicht genug, um ihn zu berühren—genug, dass mein Atem seine Schlüsselbeinregion erreichen konnte, wenn ich wollte. Meine Hand legte sich für einen Atemzug auf den Stoff seiner Schulter: Gewicht, kein Streichen. Dann nahm ich sie sichtbar zurück. Die Nähe hing in der Luft wie ein ungesprochener Kuss, eine Möglichkeit, die den Raum anhob, ohne einzulösen – das leise Rascheln des Stoffs an meinen Oberschenkeln, der Takt unserer Atemzüge, der sich allmählich angleichte, ein Echo im Akustik des Raums, wo jede Bewegung die Stille berührte, ohne sie zu brechen.

„Drehen Sie sich“, sagte ich leise. Er tat es. Frontale Distanz: ein Maßband ohne Zahlen. Zwei Finger an seinem Kragen, der Linie folgend, stop, zurück. Verzicht leuchtet, wenn man ihn sieht. Ich setzte mich auf die Sofakante, rückte vor, bis meine Knie fast seine berührten. „Strecken Sie die Hand aus“, sagte ich, „nicht zu mir—daneben.“ Er tat es. Ich legte meine Wange in die Luft zwischen seiner Hand und mir. Kein Kontakt, nur Nähe. Ich blieb, bis mein Atem ihn erreichte, und zog mich zurück. „Danke“, sagte ich.

Wir sprachen leiser weiter. Über ein Gemälde, das den Moment zeigt, bevor die Hand den Stoff berührt. „Die meisten scheitern an der Geduld“, sagte er. „Geduld ist die höflichste Form von Macht“, sagte ich. Er sah eine unsichtbare Falte an meinem Kleid; ich richtete sie selbst. Die Knie berührten sich fast, eine hauchdünne Distanz, die die Wärme austauschte; ich schlug das Bein langsam über, eine Bewegung, die die Linie vom Hals zur Schulter betonte, den Rhythmus des Atems unterbrach und neu ordnete. Der Dialog flüsterte im Subtext, Worte, die die Luft zwischen uns streiften, sinnlich in ihrer Zurückhaltung, ein Tanz aus Blicken und Pausen, der den Körper sprechen ließ, ohne zu fordern.

Es war Zeit zu gehen. Ich stand auf, nahm den Mantel. Er tat nichts, um mich aufzuhalten. Das mochte ich: die Achtung vor der Schwelle. „Morgen nicht schreiben“, sagte ich an der Tür. „Übermorgen auch nicht. Lassen Sie die Luft bei uns arbeiten.“—„Und Sie?“—„Ich lasse sie arbeiten“, wiederholte ich. Wir reichten uns die Hand—zum ersten Mal. Ein Druck, der nur bestätigt. Gleichzeitiges Lösen. Im Aufzug sah der Spiegel mich an, schmal wie ein Geheimnis. Ich sah nicht anders aus als am Nachmittag, nur die Augen tiefer, die Mundwinkel wärmer. Zweiunddreißig. Ich wusste, wie ich aussah. Ich begann zu ahnen, was ich war.

Draußen schob die Stadt ihre Lichter den Hügel hinauf. Ich ging langsam. Schnelligkeit schmeckt selten.

Meine Wohnung wartete, als wäre sie mit mir verabredet. Ich öffnete das Fenster auf Kipp; die Stadt machte kleine Geräusche, die niemandem gehören. Ich löste die Haare. Eine Strähne fiel ins Gesicht und blieb. Ich ließ sie. Der Körper erinnerte sich in sanften Wellen – eine verbliebene Wärme an den Stellen, wo Nähe gehangen hatte, eine Kühle, die sich nun ausbreitete wie ein langsamer Temperaturwechsel. Meine Hand glitt zum Bauch, ruhte dort, spürte den ruhigen Atem darunter, dann zum Nacken, wo die Strähne lag, eine intime Geste im Alleinsein, die die Erinnerung an die Luft, die Spannung, ohne Handlung wachhielt, nur im Rhythmus des eigenen Pulses.

In mein Notizbuch schrieb ich: Nähe ist eine Architektur aus Luft. Darunter: Heute gebaut: zwei Bögen, kein Dach. Ich klappte das Buch zu. Das Zimmer atmete. Ich hätte schwören können, dass ich die Geometrie verstand: Licht, Schatten, Pausen. Ich hätte schwören können, dass Stille nur kippt, wenn ich es erlaube. Ich hätte schwören können, dass ich Türen öffne und wieder schließe—präzise, elegant, ohne Zugluft.

Was sollte schon passieren?

Ich nahm die Hand vom Fenstergriff und sah hinaus. Unten, auf der gegenüberliegenden Seite, blieb ein Taxi stehen. Eine Gestalt stieg aus, blieb im Halbdunkel, als lausche sie, ob die Welt ihr antwortet. Ein Blick nach oben, nicht zu mir, aber in meine Richtung—nur lange genug, dass ich meinen Atem vergaß. Die Silhouette unten hielt inne, ein Schatten, der die Nacht verdichtete; der Blick stieg in meine Richtung, ein aufgeladener Moment, der die Distanz überbrückte, ohne sie zu berühren. Zwei Atemzüge, die im selben Takt lagen, ein Versprechen des nächsten Schritts – eine Tür im Flur, der minimale Abstand, der knapper wurde, ein zukünftiger Blick, der die Schwelle laden würde, ohne sie noch zu überschreiten.

Damals dachte ich, ich hätte den Plan. Ich sah nicht kommen, was kam. Vielleicht musste es so sein. Manche Nächte wechseln den Raum, ohne die Lampe zu bewegen. Und manche Türen gehen auf, weil man aufhört, sie zuzuziehen.

von Marie, Erovelle Team

Diese Erzählung ist der Auftakt einer fortlaufenden Reihe aus dem Leben von Isabelle Laurent – einer Frau, die die Kunst der Nähe beherrscht wie kaum eine andere. Die folgenden Kapitel sind exklusiv unseren Mitgliedern vorbehalten.

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